Arbeiter und Siedlung

Im Jahre 1744 arbeiteten auf dem Eisenwerk und in den St. Ingberter Erzgruben 26 Personen. Zehn wohnten am Hüttenwerk, weitere 16 hatten sich "in der Mausbach", einem Tal im Wald zwischen St. Ingbert und dem heutigen Schüren, niedergelassen. Diese offenbar spontan entstandene Siedlung wurde einige Jahre später wegen Feuergefahr von der Forstverwaltung aufgelöst. Ein Bewohner wird als "Tirroller" bezeichnet1, möglicherweise ein Hinweis auf seine Herkunft aus Tirol, von wo in dieser Zeit Hüttenleute in die Saargegend einwanderten. Ende der 1770er Jahre wird ein Großhammerschmied aus dem Breisgau erwähnt. Andere Arbeiter kamen von Hüttenwerken der Saarregion, wie jener "Kleinschmelzer" aus der Gegend von Tholey, der zur gleichen Zeit auf dem St. Ingberter Eisenwerk tätig war2.


     Auch Hüttenleute aus dem Elsass, der Pfalz und der Eifel ließen sich in St. Ingbert nieder3. Während die meisten Menschen bis ins 19. Jahrhundert kaum ihre Heimatregion verließen, wechselten die Hüttenarbeiter dank ihrer seltenen und begehrten Berufskenntnisse, aber auch auf Grund der wechselhaften Entwicklung der frühen Industrieunternehmen, häufig ihren Aufenthaltsort. Der Beruf wurde in der Regel in der Familie weitergegeben. So finden wir unter den Formern oder Sandgießern immer wieder dieselben Familiennamen.
     Die Unterkünfte der Arbeiter in den ersten Jahrzehnten des Eisenwerks muss man sich als provisorische Behausungen vorstellen. In der Schätzung, die 1759 anlässlich des Bestandswechsels vorgenommen wurde, wird ein altes und ein neues Herrenhaus sowie die Wohnung des Hammerschmieds erwähnt, von Arbeiterhäusern ist keine Rede. Erst 1771 weist der Beständer Lauer darauf hin, dass er an Stelle von Baracken neue Arbeiterhäuser errichtet habe. Zu dieser Zeit gab es vier Häuser mit 13 Wohnungen. Letztere umfassten Küche und Stube, einige waren mit einer zusätzlichen Kammer ausgestattet. Zur Bauweise der Häuser heißt es: "Der ganze Bau ruht auf einer Grundmauer, darauf erhebt sich eine Riegelwand von Eichen, welche mit Lehm bestochen ist. (...) Der Giebel ist mit Buchendielen beschlagen. Die inneren Scheidewände sind aus Eichen und reichen bis ins Dach. Dieses ist... mit Ziegeln gedeckt. Hinter der 3. Wohnung ist ein Stall aus Eichenholz. Drei Wohnungen [das beschriebene Haus umfasste vier Wohnungen, Verf.] haben Backöfen"4. Bei einem tief gelegenen Gebäude drang bei starkem Regen Wasser in die Wohnungen ein.
     Der älteste Teil der heutigen Siedlung entstand im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Die Häuser befanden sich in unmittelbarer Nähe der Produktionsanlagen. Das Herrenhaus stand in Sichtweite sowohl der Wohnhäuser als auch der Arbeitsstätte. Arbeiter und Meister lebten in enger Nachbarschaft, aber in getrennten Häusern, wobei die Größe der Wohnungen der sozialen Stellung ihrer Bewohner entsprach.
     Mit der Errichtung des Stahlwerks und dem Ausbau des oberen Werks wurde die Siedlung um die Wende zum 20. Jahrhundert in Richtung auf die neuen Anlagen hin erweitert. Wie im Bergbau und bei den anderen Hüttenwerken erforderte die wachsende Zahl auswärtiger Arbeiter außerdem den Bau eines Schlafhauses. Es wurde etwas abseits der Siedlung erstellt. Die Gründung des Hüttenkonsums zeugt von der Notwendigkeit, eine kostengünstige Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs sicherzustellen. Während im Herrenhaus Arbeit und Wohnen noch unter demselben Dach verbunden waren, erhielt die Verwaltung später eigene Räumlichkeiten im Werksgelände, während für die Direktoren zwei Villen im Wald oberhalb der Produktionsanlagen entstanden. Sie sind durch eine Mauer von der Arbeitersiedlung getrennt. Die Familie Kraemer ließ sich in Villen außerhalb des Hüttengeländes nieder.
     Vor dem Ersten Weltkrieg besaß das Eisenwerk 129 Wohnungen für Belegschaftsangehörige, von denen 84 für Arbeiter, 24 für Meister und 21 für Angestellte vorgesehen waren. Die Pläne zum Bau einer "moderne[n] Wohnungskolonie"5 wurden nicht mehr verwirklicht. Nach dem ersten Weltkrieg erfolgte die Erweiterung des Wohnungsbestandes durch den Ankauf und Neubau einzelner Häuser.
     Ab Ende der 1950er Jahre wurde die Alte Schmelz ein weiteres Mal zum Ziel von Zuwanderern. Nun zogen italienische und später türkische Arbeitsmigranten in die Werkswohnungen. Als das Drahtwerk 1994 die Siedlung abtrat, stellten ausländische Arbeiter und ihre Familien fast die Hälfte der damals 140 Bewohner.
     Die Werkssiedlung blieb eine Welt für sich, die lange Zeit durch das Gelände des Eisenwerks von der Stadt abgetrennt war. Durch die Stillegung der Produktion im mittleren und oberen Werk bietet sich erstmals die Gelegenheit, die Siedlung und das historische Werksgelände städtebaulich mit dem Stadtzentrum zu verbinden.

1 Krämer, Eisenwerk, S. 25
2 Ebenda, S. 58
3
Sterberegister St. Ingbert, Landesarchiv Saarbrücken, Mormonen-Verfilmung
4 Krämer, Eisenwerk, S. 99
5 Eisenwerk St. Ingbert 1733-1913, S. 71





Von der Werkssiedlung zur Wohnungsgenossenschaft


Mit dem Abriss des größten Teils des Neunkircher Eisenwerks und die Auseinandersetzungen um die Erhaltung der Völklinger Hütte rückte das industrielle Erbe in den 1980er Jahren erstmals im Saarland ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Im Rahmen der Bestandsaufnahme saarländischer Industriedenkmäler wurde die Siedlung Alte Schmelz 1988 in die Denkmalliste aufgenommen. Da das Drahtwerk als Eigentümer seit Jahren die erforderlichen Instandhaltungsarbeiten unterlassen hatte, befanden sich die Gebäude durchweg in einem schlechten Zustand. Die Mieter hatten häufig von sich aus die unerlässlichen Reparaturen vorgenommen und dafür gesorgt, dass die Häuser bewohnbar blieben. Zum Teil hatten sie auch Heizung, Bäder, Toiletten usw. eingebaut.
     Anfang der neunziger Jahre gab das Drahtwerk den angrenzenden Werksbereich auf und verkaufte das Schlafhaus. Da der städtische Flächennutzungsplan das gesamte Gelände als Gewerbegebiet auswies, schien Wohnen auf der Alten Schmelz keine Zukunft zu haben. Als das Unternehmen dann im April 1993 in den Konkurs der Eigentümergesellschaft Saarstahl AG zu geraten drohte, befürchteten die Bewohner den Verkauf der Siedlung und den Verlust ihrer Wohnungen. Auch wenn die Häuser in schlechtem Zustand waren, wollten sie ihr vertrautes Lebensumfeld, ihre Nachbarschaftsbeziehungen und die niedrigen Mieten nicht aufgeben.


Im Juli 1993 bildete sich der Arbeiterverein Alte Schmelz, der die Erhaltung und Sanierung der Siedlung für ihre Bewohner/innen anstrebte. Mit einem Straßenfest warb der Verein für seine Ziele und machte die Alte Schmelz bekannt. Bei dieser Gelegenheit besuchten viele St. Ingberter zum ersten Mal diesen Teil ihrer Stadt. Der Arbeiterverein erfuhr besondere Unterstützung vom ehemaligen Landtagspräsidenten Albrecht Herold, der selbst lange Zeit auf der Alten Schmelz gelebt hat. Die Stadt St. Ingbert erklärte im Herbst 1993 die Siedlung und den stillgelegten Werksbereich zum Sanierungsgebiet. Während der Arbeiterverein die Gründung einer Genossenschaft vorbereitete, erwarb als Zwischenlösung eine städtische Verwaltungsgesellschaft das Gelände zu einem symbolischen Preis. Mit Zuschüssen von Stadt und Denkmalpflege, ergänzt durch die Mieteinnahmen, konnten im November 1994 die Sanierungsarbeiten beginnen. Aber erst mit der Zusage der Landesregierung für die Absicherung der Finanzierung auf 15 Jahre im Herbst 1995 war die Zukunft der Alten Schmelz gesichert.
     Nun konnte die Wohnungsbaugenossenschaft Alte Schmelz e.G. die Siedlung und die Trägerschaft der Sanierung übernehmen. Alle Bewohner sind Mitglieder der Genossenschaft. Gegen Zahlung einer Einlage, gegen eine relativ geringe Miete und einen eigenen Arbeitsbeitrag genießen sie ein lebenslanges Wohnrecht, das vererbt werden kann. Mit der Wohnungsgenossenschaft wurde ein Modell gefunden, das es ermöglicht, den Erhalt kostengünstigen Wohnraums für die ursprünglichen Bewohner mit der Schaffung zeitgemäßer Wohnverhältnisse zu verbinden und gleichzeitig den Anforderungen des Denkmalschutzes gerecht zu werden.


Die Alte Schmelz Ende der 1980er Jahre und heute nach der Sanierung


Schwierigkeiten mit der Datierung

Die Schätzungen, die am Ende der Bestandszeit angefertigt wurden, liefern Anhaltspunkte für die Baudaten von Werks- und Wohngebäuden aus der frühen Zeit des Eisenwerks. Weitere Hinweise können aus der Altersbestimmung des in den Dächern verwendeten Holzes gewonnen werden. Auf Grund der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen lässt sich schließlich die Wahrscheinlichkeit größerer Baumaßnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt ermessen.


Ältester Plan von Eisenwerk und Siedlung, 1791
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     Der älteste erhaltene Plan des Geländes stammt von 1791, aber erst die Katasterkarten ab Mitte der 1840er Jahre erlauben es, die Entwicklung fortlaufend zu verfolgen. Im Jahre 1803 malte Johann Friedrich Dryander die Familie Krämer auf dem Gelände des Eisenwerks. Eine Reihe von Zeichnungen aus den 1840er Jahren zeigen das Werk und seine Umgebung, wobei nicht immer davon ausgegangen werden kann, dass die Künstler ihren Gegenstand wirklichkeitsgetreu dargestellt haben. Das früheste Fotos stammt vom Ende der 1860er Jahre. Der Jubiläumsband von 1913 enthält eine fotografische Bestandsaufnahme der Werksanlagen. Im folgenden soll gezeigt werden, wie sich Hinweise zur Datierung gewinnen lassen, aber auch wie es zu Trugschlüssen kommen kann, wenn Daten isoliert betrachtet werden.

Beispiel 1: Die ersten Siedlungshäuser
Durch den Vergleich der Jahresringmuster im Querschnitt von Baustämmen lässt sich das Alter von Holz bestimmen. Auf diese Weise wurde als Fällungsdatum des Holzes von Dachsparren aus dem Haus Alte Schmelz 10 das Jahr 1771 ermittelt1. Die Schätzung der Werksanlagen aus dem gleichen Jahr scheint den Befund zu untermauern. Denn darin werden vier neue Wohnungen der Arbeitsleute samt Stallung "an der Wiese" erwähnt2. So liegt die Annahme nahe, dass es sich bei dem Gebäude Alte Schmelz 10-16 (Nr. 18/20 wurde später angebaut) um das genannte Wohnhaus handelt. Die Bestandsaufnahme von 1782 beschreibt es als ein Haus in Holz-Lehm-Bauweise auf einem gemauerten Sockel3. Das Haus Nr. 10-16 besteht jedoch aus massivem Mauerwerk. Auch ist auf dem oben erwähnten Plan von 1791 an der Stelle dieses Hauses kein Gebäude eingezeichnet. Der Plan verzeichnet hingegen ein Wohnhaus im Umkreis4 des Hauses Alte Schmelz 52-60, wo die zweite Holzprobe aus dem Dach der Nr. 56 als Fällungsdatum 1808 ergab.
     Die Widersprüche lassen sich nicht mit Sicherheit auflösen. Es können aber Annahmen aufgestellt werden. So ist es möglich, dass für das Dach des Hauses Alte Schmelz 10 Holz aus einem Gebäude von 1771 verwendet wurde, vielleicht von dem Haus "an der Wiese". Eine solche Wiederverwendung von Baumaterial war üblich. Und es kann sein, dass ein Haus an der Stelle oder in der Nähe der Nr. 52-60 im Jahre 1808 abgerissen und der heutige Gebäudeteil Nr. 56-60 errichtet wurde (Nr. 52/54 wurde später angebaut)5. Auch wenn eine genaue Datierung der ältesten erhaltenen Siedlungsbauten bisher nicht möglich war, lässt sich der Zeitraum eingrenzen, in dem die ersten Häuser in massiver Bauweise entstanden. Als 1791 die Karte des Hüttenwerks gezeichnet wurde, gab es außer einem Wohnhaus bei dem heutigen Haus Nr. 52-60 kein Gebäude, dessen Lage auch nur annähernd mit einem der heutigen Siedlungshäuser übereinstimmt. Andererseits dürfte bis spätestens 1812 ein Teil der Siedlung fertiggestellt gewesen sein, denn danach folgten wirtschaftliche Krisen und Umstellungsschwierigkeiten, die bis in die 1830er Jahre andauerten. Wahrscheinlich entstanden die ersten Häuser zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als sich die politische Lage beruhigt hatte und das Hüttenwerk am Aufschwung der napoleonischen Zeit teilnahm. Dafür sprechen auch die Holzproben aus drei weiteren Häusern mit Fällungsdaten zwischen 1806 und 1809.

Beispiel 2: Das Herrenhaus
Schon die Schätzung von 1759 erwähnt ein altes und ein neues Herrenhaus. Laut der Bestandsaufnahme von 1782 grenzten die Grundstücke aneinander. Eine Mauer reichte vom alten "Hüttenhaus" zum Kanal. Außerdem wird ein großer "Herrengarten" und ein "Garten der Arbeitsleute" erwähnt, die beide mit Obstbäumen bestanden waren. Auf dem Plan von 1791 sind die Gärten eingezeichnet, die beiden Herrenhäuser jedoch nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Nachdem Philipp Heinrich Krämer in das Betreiberkonsortium eingetreten war, wünschte er in einer Eingabe an die Gräfin Marianne von der Leyen vom Dezember 1788 unter anderem ein Wohnhaus auf dem Werksgelände, damit er den Betriebsgang beaufsichtigen könne6.


Möllerhalle und früheres Herrenhaus

     Auf dem Türsturz des "heutigen" Herrenhauses steht die Jahreszahl 1807. Demnach hat Krämers Witwe Sophie das Haus fast 20 Jahre nach der Eingabe ihres Gatten erbauen lassen. Doch im Kaufvertrag von 1804, mit dem Sophie Krämer das Eisenwerk erwarb, ist bereits von einem Herrenhaus die Rede. Ein altes oder neues Herren- oder Hüttenhaus wird nicht mehr erwähnt. Zudem zeigt das oben erwähnte Gemälde von Johann Friedrich Dryander aus dem Jahr zuvor im Hintergrund ein Gebäude, das von Aussehen und Lage her das Haus der Fabrikantenfamilie gewesen sein kann. Es ähnelt einem nicht erhaltenen Wohnhaus, das neben der Möllerhalle stand und in der Niederschrift zum ersten Katasterplan von 1845 als Herrenhaus bezeichnet wird. Das noch heute bestehende Herrenhaus ist demnach der vierte Bau mit dieser Funktion.

1 Recktenwald/Kirch, S. 31
2 "Abschatzung des St. Ingberter Eisenwerks de 1771", Landesarchiv    Saarbrücken, Bestand    von der Leyen, 763n
3 Krämer, Eisenwerk, S. 99
4 Eine genaue Ortsbestimmung lässt der Plan nicht zu.
5 Recktenwald/Kirch, S. 27
6 Krämer, Eisenwerk, S. 107



Kunstguss aus St. Ingbert - Die Entwürfe Johann Friedrich Dryanders für das Eisenwerk

Neben Kochtöpfen, Waffeleisen, Pflugscharen und Kanonenkugeln lieferten die Hüttenwerke des 18. Jahrhunderts Gebrauchsgegenstände, in denen sich praktischer Nutzen mit künstlerischer Gestaltung verband. So sind aus den ersten Jahrzehnten des St. Ingberter Eisenwerks Ofenplatten erhalten, die als gelungene Erzeugnisse eines volkstümlichen Kunsthandwerks gelten. Die meisten dieser gusseisernen Platten zeigen biblische Motive, aber auch ein anschaulich dargestellter "Bauerntanz" ist vertreten. Später wurden Wappen, Grabkreuze und Ziergegenstände aus Gusseisen hergestellt. Ab Ende des 18. Jahrhunderts entstanden kunstvoll gestaltete Vasen und Öfen im Stil des Empire. Kunstguss galt zeitweise als Spezialität des Eisenwerks.
     Die Entwürfe schuf in dieser Zeit der Saarbrücker Maler Johann Friedrich Dryander (1756-1812). Der Vater des Künstlers war als Posamenter1 von Halle nach Saarbrücken übergesiedelt, angezogen von der Bautätigkeit des Fürsten Wilhelm Heinrich, die Handwerkern und Künstlern ein gutes Auskommen versprach. Johann Friedrich Dryander lernte bei dem Maler Johann Jakob Samhammer, der am Saarbrücker Hof tätig war, wechselte mit diesem nach Darmstadt und kehrte nach dem Tode des Lehrers 1787 nach Saarbrücken zurück. Im Jahr darauf berief ihn Fürst Ludwig zum Hofmaler, ein Titel, der zwar keine Anstellung bedeutete, aber Aufträge brachte, die freilich nicht immer bezahlt wurden. Sein wohl bekanntestes Bild zeigt den Brand des Saarbrücker Schlosses. Nach der Flucht des Fürstenhauses wurde Dryander zum Maler der begüterten Bürgerfamilien. Im Jahre 1803 malte er die Familie Krämer vor dem Hüttenwerk. Das Bild vermittelt einen Eindruck von Erscheinung und Selbstverständnis einer Unternehmerfamilie im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft. Im Hintergrund ist ein Teil der Werksanlagen zu sehen. Neben Porträts und Familienbildern schuf Dryander Dekorationen für festliche Anlässe und eine große Zahl an Miniaturen. Mit dem St. Ingberter Eisenwerk verband den Künstler eine langjährige Zusammenarbeit, während der er die Entwurfszeichnungen für gusseiserne Vasen und Öfen lieferte.


Säulenofen aus Gusseisen, um 1800

     Auch nach dem Tode Dryanders setzte das St. Ingberter Werk die Kunstgussproduktion fort. Außer religiösen Gegenständen, wie Hauskruzifixen und Heiligenbildern wurden Ofen-Zierstücke, Tier- und Personenplastiken sowie weiterhin Kannen und Vasen gegossen. Die künstlerische Produktion endete in den 1840er Jahren, als die industrielle Massenfabrikation in den Vordergrund trat.


Vase aus Gusseisen, um 1800

1 Hersteller und Händler von Posamenten, d.h. Besatzartikeln, Borten, Schnüren, Quasten usw.


Der Englische Garten der Unternehmerfamilie Kraemer

Wo sich zwischen dem Drahtwerk St. Ingbert und der Dudweiler Straße heute ein weitgehend verwahrlostes Waldstück erstreckt, befand sich früher der Park der Familie Kraemer im Stil eines Landschaftsgartens. Vermutlich ließ die Familie als Eigentümer des Eisenwerks den Park anlegen, kurz nachdem sie 1843 den gesamten Wald um St. Ingbert gekauft hatte. Aus dem folgenden Jahr liegt ein Plan vor, der den "Garten der Herren Gebrüder Kraemer" zeigt, wie er in den Grundzügen bis zum zweiten Weltkrieg erhalten blieb. Der Park ist ein Zeuge großbürgerlicher Gartenkultur des 19. Jahrhunderts und einer der ersten Englischen Gärten, die im Saarland im Auftrag von Unternehmern angelegt wurden. Es handelte sich um einen Landschaftsgarten mit Waldpartien, Wiesen und einer geschwungenen Wegeführung. Verstreut waren kleine Plätze und Gebäude angeordnet. Ansichten aus den 1840er Jahren zeigen eine "Fasanerie" und ein "Schweizerhaus". Um 1920 werden eine "Almhütte", ein Gartenhaus und ein Pavillon erwähnt. Auch ein Weiher durfte nicht fehlen. Er befand sich am südwestlichen Ende des Areals nahe bei der 1870 erbauten Unternehmervilla "Krämers Schlösschen". Auf einer Karte aus den 1860er Jahren wird die Anlage als "Englischer Garten" bezeichnet. Der ganze Park, der etwa 20 ha umfasste und neben dem eigentlichen Landschaftsgarten auch Wiesen und Äcker enthielt, war von einer Mauer umgeben. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts im östlichen Teil des Geländes die erste Direktorenvilla entstand, wurde eine weitere Mauer errichtet, die nun einen Teil des Parks für die Bewohner dieser Villa absonderte.
     Bereits früher hatte sich die Familie Kraemer um die Gartenkunst bemüht. So betreute Heinrich Ludwig Koellner, Sohn des Saarbrücker Hofgärtners und Gartendirektors Johann Friedrich Christian Koellner, nach der Vertreibung der Saarbrücker Fürsten bis zu seinem Tode im Jahre 1824 die Gärten der St. Ingberter Hüttenbesitzer. Heinrich Ludwig Koellner hatte zuvor an der Anlage des fürstlichen Parks "Schönthal" in der Nähe des Saarbrücker Ludwigsberges mitgewirkt. Schon bevor der Landschaftspark angelegt wurde, gab es einen Garten um das Herrenhaus der Familie und einen Nutzgarten im Barockstil, der sich aus dem schon im 18. Jh. erwähnten Obstgarten der Hüttenbesitzer entwickelt hatte.

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     Heute befindet sich der frühere Landschaftspark in einem unerfreulichen Zustand. Der einst gepriesene Buchenhochwald hinter dem inzwischen abgerissenen "Schlösschen" ist bis auf wenige Bäume einer Neuaufforstung zum Opfer gefallen. Viele alte Bäume sind entwurzelt. Doch es gibt noch Spuren des Englischen Gartens: Rhododendron und Stechpalmen, Ahorn, Kastanien, Platanen und Weymouthkiefern erinnern an die Parkvegetation. Am Rande des Werksgeländes sind efeuberankte alte Bäume erhalten geblieben. Auch die Begrenzungsmauer steht noch, müsste jedoch renoviert werden. Einen deutlichen Hinweis auf den Landschaftspark liefert die Wegeführung, die im wesentlichen den alten Plänen entspricht. Alleen lassen sich erkennen, und an einigen Stellen finden sich Reste der steinernen Wegeinfassungen.
     In ihren Grundzügen wiederhergestellt, könnten die Parkanlagen die Anziehungskraft des früheren Werksgeländes für neue kulturelle und gewerbliche Nutzungen erhöhen, die Erschließung des historischen Ensembles Alte Schmelz für Besucher um eine nicht alltägliche Variante bereichern und die Naherholungsmöglichkeiten für St. Ingbert und Umgebung verbessern. Dabei bietet sich die Möglichkeit, eine Verbindung für Fußgänger und Radfahrer von St. Ingbert über Rentrisch zur Universität bzw. nach Saarbrücken zu schaffen. Der ehemalige Krämersche Park könnte dazu beitragen, dass sich die "Alte Schmelz" zu einer Attraktion weit über St. Ingbert hinaus entwickelt.


Auswirkungen auf das Landschaftsbild
Das Hüttenwerk hat auch das Landschaftsbild geprägt. Drei Schlackenhalden entstanden, die inzwischen wieder verschwunden sind. Wasserläufe wurden unter die Erde verlegt. Die Werksanlagen breiteten sich im Scheidter Tal aus, eine hohe Mauer verlieh der Abgrenzung der Industrie von ihrem räumlichen und sozialen Umfeld sinnfälligen Ausdruck. Das Bild zeigt die Halde, die sich an der Dudweiler Straße befand.


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Alte Schmelz: Hintergründe